Donnerstag, 11. Dezember 2008

knock knock...jemand da?

Hallo lieber Blogger und Blogginen,

was mach ich hier eigentlich!? War das Ding nicht schon abgeschlossen...

1. ab nach Japan - check
2. Blog kritzeln und paar Sachen erzählen damit nicht jeder am Telefon/ICQ/whatever die gleichen Fragen stellt - check
3. Fotos von mir mit Kultur als Beweis meiner Anwesenheit - check
4. das Ganze mit ner Prise Humor aufpeppen - tschäääck

...hab doch an alles gedacht??

Und jetz komm ich rein zufällig hier drauf und muss feststellen, dass sich meine Hits kontinuierlich erhöht haben!! Hallo liebe unsichtbare Internet-User, schreibt was drauf, wer ihr seid und was ihr hier zu suchen habt!!! HAAALLOOOO

Vor lauter Bloggerei, nach den ersten Zeilen, da juckts doch bissl in den Fingern...aber was wollt ihr jetz hören. Hier, A-City, gibts nicht so aufregende Kultur wie in Kyoto oder Parties wie in Tokyo oder Vulkane wie in Aso oder oder oder...hier is "nur" Heimat! :)

Eine Heimat die sich gewaschen hat. Vertraute Menschen, Freunde, Kneipen, Autos, Häuser, Luft, Wälder, Wiesen einfach alles halt...Heimat. Wahrscheinlich machen sich die wenigsten Leute darüber Gedanken, man lebt halt da wo man lebt, gut is. Man erkennt die kleinen Besonderheiten nicht mehr, das was für jeden Gast hier ne totale Überraschung ist wird zum alltäglichen Sein. Mir is das aufgefallen, als mein Buddy Mike aus den US and A vor gut 2 Jahren hier herkam. Der hat sich Sachen mit solcher Begeisterung angesehen, die mir nie in den Sinn gekommen wären da extra hinzufahren und Fotos zu schießen!? Jedes Wochenende nen andern Trip zu nem andern Ziel...

Aber hab ich das nicht auch so gemacht? 6 Monate Amiland waren für mich auch mehr oder weniger ein laaaaanger Wochenendtrip quer durch die Ostküste der Staaten. Und jeden Montag haben mich Kollegen gefragt, wo ich denn diesmal gewesen wäre...die Standardantwort auf meine Zusammenfassung war fast immer "wow, sounds cool but i've never been there..." Es war also damals schon die gleiche Situation, nur mit vertauschten Rollen. Aber warum ist das so? Warum schauen sich in Deutschland lebende Menschen nicht einfach Deutschland an...und die Amis ihr Amiland...und die Japaner ihr geliebtes Nihon? Ich fand es manchmal erschreckend, dass jemand der erst seit 2 Monaten hier lebt bei weitem mehr deutsche Städte als ich in 28 Jahren gesehen hat!! Auf meiner Liste fehlt aber mal fast alles nördlich von Frankfurt, bissl Pott vielleicht, ja...aber sonst!? Hamburg, never...Berlin, never...Köln, never...

Aber hier, kaum is der Michl irgendwo im Ausland muss jeder Trip penibel geplant und alles Schema-F nach Touristenführer angekuckt und angeknipst werden...im Prinzip is das nix anderes als die Jagd nach Beute und die davon angehäuften Bilder-Trophäen schön zu Hause den ganzen "In-der-Heimat-Bleibern" präsentieren zu können und den Applaus einzuheimsen...is das pervers? Ich glaub ich war noch nie in der Rothenburger Innenstadt, Tante Käthe oder so?? Ich wohn ja nur 20km weg davon...das ist halt Rothenburg, die Touristenstadt. Aber in Japan sitz ich eines Tages mit 7 Leuten im total verqualmten Raucherzelt im Büro und einer fragt plötzlich ob ich Rothenburg kenne!! Ich so "Klar (haha), ich wohn direkt daneben!" Dachte ich nun, ich sei ein Halbgott für ihn, weil ich so nah am Japanerhimmel wohne...Denkste! Und dann erzählt mir dieser Japaner 20 Minuten lang absolut detailiert den kompletten Touristenweg durch alle wichtigen Sehenswürdigkeiten...ich war komplett baff. Weil ich nix davon kannte!? Ich war einfach überwältigt wie jemand der am andern Ende der Welt lebend, mehr über eine meiner Nachbarstädte wusste...es war ein sehr komisches Gefühl, denn ich merkte dann auch, dass er ein bisschen enttäuscht von mir war. Rothenburg sei schließlich deutsche Kultur, hat er behauptet!! Ich konnte nur schulterzuckend nicken...ja, Touristenstadt dacht ich eigentlich...Was will ich mit deutscher Kultur? Da stehen paar alte Fachwerkhäuser dacht ich mir, schön ja, aber nicht mein Ding...seh ich an jeder Ecke.

Ist denn die fremde Kultur wirklich interessanter als die eigene? Liegt es nicht vielleicht daran, dass wir sie deshalb als "gaaanz anders", oder "nicht vergleichbar" mit unserer einschätzen weil wir uns das erste Mal überhaupt mit Kultur befassen?? Wir (Ich) haben ja wenig Vergleichswissen, der japanische Urlauber hat bei weitem mehr in 2 Wochen gesammelt. Ich hab mich in Japan ständig dabei erwischt, wie ich in allen verschiedenen Reiseführern die Geschichte der Meiji-Restauration (für alle Wikipedia-Freaks, bitte lesen!) soweit herausgelesen habe, dass ich mit anderen Praktikanten irgendwann richtige Diskussionen über die politischen Auswirkungen geführt habe!? Hey, wir reden hier von japanischer Geschichte!!! Ich wusste jeden Shogun mit Vornamen wenn ich vor seiner Burg stand und dazu noch welcher Sohn das Erbe antrat. Hab ich das jemals in Deutschland getan?? Nein verdammt!

Ich bin immer noch nicht darauf gekommen, warum das so ist. Werd ich wohl auch nie...Aber mir fällt jetzt im Nachhinein auf, dass ein gewisser Zwang herrscht, fremde Sachen immer ein bisschen interessanter zu finden als die eigenen. Sei es Eigentum und sowas, oder eben Kultur...ist das Neid? Oder wird man eben erst neidisch und zollt Respekt, weil man die eigene Landeskultur garnicht als Vergleich heranziehen kann?

Ich glaub, ja...aber solange ich nem Japaner was über die prächtigen Tempel in Kyoto erzählen kann, dann darf er mir ruhig ne Lernstunde in Sachen Rothenburg geben. Sowas nennt man interkulturellen Austausch...nur die Seiten sind vertauscht :)


Vielleich schau ich nun wieder öfter hier rein...;)

Seh'n treffn.
Michi